Zwischen Wanderpfad und Steinwüste

Der Waltherplatz ist voll, dicht gedrängt stehen die Zuschauer um den abgesperrten Startbereich. Verdammt warm kurz vor 22 Uhr. Fast jeder der einheimischen Starter wird vorgestellt, so kommt es mir wenigstens vor. Als Laufhymne haben die Südtiroler Ennio Morricone bemüht – berührend, aber die Gänsehaut bleibt aus!

SUR_STart

Durch Straßen und Gassen laufen wir an unzähligen Zuschauern vorbei – Superstimmung! Nach nicht einmal einem Kilometer geht es in den Anstieg: Ein steiles Asphaltband bringt uns schnell 430 Meter höher – innerhalb zweier Kilometer. Immer wieder applaudierende Menschen. Ich marschiere, verhalten. Das Anfangstempo der Spitze ist enorm, einige fallen jetzt schon zurück, andere machen Plätze gut. Ich schätze mich auf Position 70 ein und komme gut voran. Schweiß tropft von der Stirne.

Irgendwann folgt ein Schotter-, dann ein Wiesenweg. Die Stirnlampe zieht Fliegen an. Wir passieren Höfe, Hotels, was auch immer, überall begeisterte Menschen. Nach 70 Minuten sind die ersten 1000 Höhenmeter erklommen und sechs Kilometer zurück gelegt, ganz langsam scheint sich die Luft abzukühlen. Aber angenehm wird es erst einige hundert Meter höher. An den flacheren Passagen mache ich Plätze gut, ich laufe, während die meisten anderen im Wanderschritt verharren. Lediglich das letzte Stück, hoch zum Rittner Horn muss ich einige Plätze abgeben. Auf fast zweieinhalbtausen Metern ist es nachts um 1 Uhr kühl und irgendwie feucht. Exact 3 Stunden habe ich für die ersten gut 18 Kilometer mit 2200 Höhenmetern gebraucht. Deutlich schneller als erwartet. Ich fühle mich gut, habe nicht überpaced und gut getrunken: Die Verpflegung hier oben gibt nicht viel her: Etwas Studentenfutter ein Melonenschnitz und fast ein Liter Wasser – kaltes Wasser.

Ich bleibe fünf Minuten, entleere dann meine beiden Schuhe und starte in die Nacht. Hatte ich bis zum Rittner Horn immer Begleitung, bin ich jetzt alleine. Komisch, wo sind die alle hin? Auf der breiten Schotterpiste kann ich zunächst Tempo machen, dann wird der Weg schmäler und unwegsamer. Hatte ich im Aufstieg die Silva Trailrunner Plus meist auf kleinster Stufe leuchten, schalte ich jetzt hoch – wunderbar! Wenige Lichtkegel in der Ferne vor mir, dann verschwinden sie nach links. Rechts im Anstieg Lichtreflexe – was jetzt? Irgendwer ist falsch. Ich bleibe rechts, komme näher, rufe:“Bist Du sicher, dass Du richtig bist“ die Antwort verstehe ich nicht, bin schließlich in Italien. Das Ganze wiederholt sich! Ich beschließe, dass der Mann hundert Meter vor mir kein Läufer ist und kehre auf meinen Pfad zurück – mir kommen Lampen in Entfernung entgegen, kurz danach passiere ich eines der viel zu wenigen Streckenschilder: wieder auf der Spur. Es gibt einen flotten Kilometer mit 4:59 Minuten – es sollte der letzte Laufkilometer sein. Danach folgen drei eher flache Kilometer, halb Wanderpfad, halb Steinwüste. Inzwischen drückt mein Magen. Nach dem Rittner Horn hatte ich ein Gel nachgelegt, nichts denken, weiter. Vor mir schließe ich fast zu einer Vierergruppe auf, aber direkt am Beginn des Aufstiegs zur Sarner Scharte sind sie entweder vom Erboden verschluckt, oder haben ihre Lampen gelöscht!

Ich komme ins hadern, für die vermeintlich einfachen 5 Kilometer vom Rittner Horn hierher habe ich 50 Minuten gebraucht! Der Magen drückt weiter. Der Weg schwindet, Markierung Fehlanzeige, ein weißer Farbklecks auf Steinen, mal isser hier, mal isser nicht da. Ich stakse bergauf, hoch, oben sind Lichter. Ich fühle mich an einen Nacht-Cache erinnert und muss schmunzeln, andererseits kotzt es mich ziemlich an. Die Lampe arbeitet jetzt im Vollbetrieb, immer wieder schwenke ich den Kopf nach rechts und links, um eine Wegrichtung zu erkennen. Es nervt! Irgenwie gelingt mir auch dieser Aufstieg, der nach oben hin richtig steil wird. Jetzt knurrt mein Magen. Zu den Magenschmerzen gesellt sich Hunger. Da entschädigt der Blick auf die Lichter von Sarnthein nur wenig. Ich hoffe auf Entspannung im Abstieg.

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